Nicht alles, was kein klassisches deutsches Weihnachtslied ist, kommt aus den USA (CW: Weihnachten, Wham!, Mariah Carey, Britney Spears usw.)
Bei älteren Zeitgenossen bricht an Weihnachten wieder diese konservative Denke hervor: „Alle englischsprachige Musik kommt aus Amerika!“ Es gibt für sie eigentlich nur zwei Arten von Weihnachtsliedern. Einmal sind das die guten alten klassischen deutschen Weihnachtslieder. Alles andere kommt aus den USA.
Ja, bis etwa Anfang der 60er gab es in der Bundesrepublik Deutschland wirklich nur die klassischen Weihnachtslieder. Das traf auch auf den Rundfunk zu, der entweder seine eigenen Aufnahmen auf Tonband hatte oder Stücke aus ganzen Alben spielte. Bis dahin hatte es in Deutschland noch keine Singles mit Weihnachtsliedern gegeben.
In den 60ern änderte sich das dann, als mit den GIs „White Christmas“ von Bing Crosby ins Land kam. Eine Single von 1947. Aber eine Single. Und Deutschlands erster Weihnachtshit. Schon flutete ein Vocal-Jazz-Weihnachtssong nach dem anderen ins Land und wurde im Radio rauf- und runtergespielt. Crosby, Perry Como, Nat „King“ Cole, das zukünftige „Rat Pack“ und Konsorten croonten um die Wette. Auch jüngere Songs in Rock’n’Roll-Manier folgten bald.
Die deutschsprachige Musikszene hatte dem wenig entgegenzusetzen. Da gab es praktisch nur Schlager, wobei die manchmal zumindest versuchten, den amerikanischen Rock’n’Roll zu imitieren. Noch dazu waren die deutschen Liedtexte damals entweder fast schon gezwungenermaßen spießig oder zutiefst schwülstig oder beides. Egal, was man auf Deutsch textete, es kam im Grunde immer bestenfalls Schlager dabei raus. Da konnte man es auch gleich sein lassen.
Die Annahme, seitdem käme alles aus den USA, ist aber Blödsinn. Das wenige, das ab den 70ern an Weihnachtsmusik in den USA entstand, war für den deutschen Markt ziemlich uninteressant. Hier etwas Country, da etwas Funk. Es wurde ja eh kaum etwas gemacht. Lieber hörte man drüben in den Staaten weiterhin die Crooner oder die Rock’n’Roller, zumal seit 1972 eine Welle der Nostalgie die USA überrollte – mehr noch ab 1974, nachdem George Lucas seinen Kultfilm „American Graffiti“ in die Kinos gebracht hatte.
Dafür traten nun die Briten auf den Plan, die die Bundesrepublik noch sehr viel mehr als Exportmarkt sahen als die Amerikaner. Schließlich hatten die Piratensender auf der Nordsee nicht nur – wegen der Abwehrhaltung der BBC gegenüber Popmusik als lange Zeit einzige – Großbritannien mit moderner Popmusik beschallt, sondern auch die küstennahen Regionen Norddeutschlands. Das war den Piraten-DJs bekannt, und das war auch der britischen Plattenindustrie bekannt, deren Umsatz zu einem wesentlichen Teil von den Piratensendern abhing.
Was es bis dahin an amerikanischer Import-Weihnachtsmusik gab, wirkte zwar heimelig, aber auch betulich. Wie gesagt, es war weit überwiegend aus den 40er und 50er Jahren. Die Briten hatten dagegen gerade ein Musikgenre erfunden, das eigentlich wie für Weihnachtsmusik gemacht war: den Glam Rock. Rockmusik mit viel Lametta.
Schon ging es los. „Lonely This Christmas“ von Mud, nur echt mit Elvis-Imitator. „I Wish It Could Be Christmas Everyday“ von Wizzard, ebenso wunderbar überladen wie deren Hit „See My Baby Jive“ – oder so manch ein Weihnachtsbaum. Und natürlich der Riesenhit „Merry Xmas Everyone“ von Slade, wo erstmals Weihnachtsmusik mit Hard Rock flirtete.
Am anderen Ende der Rockmusikskala stand damals der Prog Rock, den es so noch viel eher eigentlich nur in England geben konnte. 1975 servierten uns Emerson, Lake & Palmer „I Believe In Father Christmas“, komponiert wie schon „Lucky Man“ von Greg Lake und mit einem Text von Peter Sinfield, der gar nicht erst versuchte, zu irgendwelchen Amerikanismen zu greifen.
Im Grunde waren ELP Idealkandidaten für ein Weihnachtslied, sollten sie doch kurz darauf anfangen, Komponisten von Johann Sebastian Bach über Sergej Prokofiew – den Lake schon in „I Believe In Father Christmas“ zitierte – bis hin zu Aaron Copland zu adaptieren.
Danach ging es dann kaum vermindert weiter. Und immer noch kam es von britischen Künstlern. „Wonderful Christmastime“ vom Ex-Beatle Paul McCartney, das schon 1979 erschien. „Mistletoe And Wine“ von Cliff Richard. „Thank God It’s Christmas“ von Queen. Natürlich auch „Last Christmas“ von Wham!, das eigentlich gar kein Weihnachtslied ist, sondern ein Liebeslied.
Der eine Ausreißer war dann Bryan Adams mit „Christmas Time“. Wie eigentlich allgemein bekannt sein sollte: Bryan Adams ist Kanadier. Übrigens immer noch Britisches Commonwealth.
Der andere Ausreißer war „Do They Know It’s Christmas?“ von Band Aid. Dahinter steckte Bob Geldof. Das war als Massively-Multiplayer-Benefizproduktion ziemlich international.
Und dann war da noch „In der Weihnachtsbäckerei“ von Rolf Zuckowski und seinen Freunden, gefühlt – in Wirklichkeit nicht, aber gefühlt – das erste neue deutschsprachige Weihnachtslied seit der Jahrhundertwende.
Die Amis regten sich erst wieder 1987 signifikant mit dem legendären Benefizalbum „A Very Special Christmas“, das wohlgemerkt ein Gemischtwarenladen der Genres und der englischsprachigen Nationen ist. Da gibt es neben vielfältigen amerikanischen Beiträgen – mit diesem Album zog übrigens Weihnachten im modernen R&B und im Hip Hop ein – aber auch wieder Briten in Form von Eurythmics und den Pretenders sowie Sting und Alison Moyet. Da gibt es auch auch die US-Singer-Songwriterin Stevie Nicks, die aber seit damals 13 Jahren Mitglied der eigentlich britischen Band Fleetwood Mac war. Mit U2 ist auch Irland präsent. Und es gibt amerikanischen Weihnachts-Rock’n’Roll von Bryan Adams, der in der Zeit zwischen Bachman-Turner Overdrive und Céline Dion der Quotenkanadier war.
Die einzige Neukomposition auf der ganzen Scheibe ist übrigens eine amerikanische, und zwar die Rapnummer „Christmas In Hollis“ von Run-D.M.C. Warum? Weil es keinen alten Weihnachts-Rap zum Covern gab.
Im selben Jahr wurde es in Teilen noch einmal irisch, als die ansonsten englischen Pogues nach zwei Jahren (!) ihr „Fairytale Of New York“ veröffentlichten.
Seit den 90ern, spätestens aber seit der Jahrtausendwende ist allerdings der Weihnachts-Mainstream-Pop wieder bombenfest in amerikanischer Hand. Immerhin müssen neue Weihnachtshits gefühlt gezwungenermaßen irgendwo zwischen Mariah Careys „All I Want For Christmas Is You“ und Britney Spears’ „My Only Wish (This Year)“ passen. Das, oder sie sind Covers von etwas, das im Original schon vor 1960 erschienen war. Alles, was da rausfällt, ist bestenfalls Indie und wird von den Popsendern ignoriert.
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