Dampfen ist alltäglich geworden
Das ist ein Zitat von "Haveldampfer" aus dem Forum "Dampferzuflucht", das ziemlich genau den Status des Dampfens auf den Punkt bringt und auch ein Stück weit meinen eigenen Status...
View article
View summary
Das ist ein Zitat von "Haveldampfer" aus dem Forum "Dampferzuflucht", das ziemlich genau den Status des Dampfens auf den Punkt bringt und auch ein Stück weit meinen eigenen Status.
Anfang der 2010er-Jahre war die Pionierzeit des E-Dampfens. Es gab es zwar schon etwas länger, aber der Durchbruch begann in dieser Zeit. Die existierenden Geräte waren inzwischen schon besser und leistungsfähiger als die der ersten Generation. Auch finanziell war es ein echter Anreiz für den Umstieg. Die Liquids waren hoch dosiert, weil die Pfrunzeln nicht sonderlich effektiv waren, weshalb eine 10-ml-Pulle (z.B. mit 24 mg Nikotin pro ml) auch recht lange hielt. Wesentlich länger als eine Schachtel Zichteln... aber nicht teurer, als eine solche.
Problematisch war es seinerzeit eher mit der Erhältlichkeit. Offline-Shops waren rar und auch online waren viele notwendige Dinge, wie neue Verdampferköpfe, oftmals vergriffen. Findige Bastler fingen dann an, alte Köpfe wieder funktionsfähig zu machen, indem sie neu gewickelt wurden. Nichts für Grobmotoriker und mit mäßiger Erfolgsgarantie (mich hat ein solcher Versuch einen eGo-Kombi-Akku gekostet, der aufgrund eines Kurzschlusses eines restaurierten eGo-Verdampfers ratz-fatz durchknallte).
Es kamen dann auch schon die ersten Selbstwickelverdampfer "auf den Markt" (was man so "Markt" nennen konnte). Sie waren so konzipiert, dass es einfacher war, eine eigene Wicklung anzubringen.
Diese Produkte waren aber noch schwerer zu beschaffen, weil einerseits die Nachfrage sehr hoch war, auf der anderen Seite aber keine großen Hersteller dahinter standen, sondern es sich um Community-Projekte, Projekte einzelner Enthusiasten (die dann Kleinstserien herstellen und anboten) oder gerade entstehender kleiner Startups mit begrenzter Fertigungskapazität handelte.
Hatte man dann solch einen Selbstwickler endlich irgendwie ergattert, dann war das Abenteuer aber noch nicht am Ende. Dann ging es erst richtig los. Die Technik des Selbstwickelns musste erlernt werden, neue Techniken wurden erdacht, ausprobiert und in der Szene (die damals fast noch eine Community war) vorgestellt.
Ähnlich lief es auch mit den Akkuträgern. Entweder wurden Akkuträger bzw. Kombiakkus vorhandener Systeme verwendet, oder man nutzte mechanische Akkuträger (ohne Regelung, ohne Akkuschutz). Die wenigen regelbaren Akkuträger waren auch wieder schwer zu beschaffen (und teilweise auch sehr teuer).
Auch hier gab es natürlich wieder Bastellösungen, wie z.B. die Genny Penny von Raidy... ein Regler, der sich aus Komponenten für wenige Euro selbst zusammenlöten ließ und selbst gebaute mechanische Akkuträger zu regelbaren machte.
Die Zahl der Dampfer war zu dieser Zeit noch sehr übersichtlich, aber sie wuchs immer mehr.
Nach und nach kamen dann auch Fertigsysteme auf den Markt, welche die Lücke zur Leistungsfähigkeit von Selbstwicklern verkleinerte. Das war dann die dritte Generation von Pfrunzeln. Schließlich erreichten auch die Fertigsysteme die Qualität von Selbstwicklern, waren aber insgesamt noch immer modular aufgebaut, die einzelnen Komponenten konnten in eine weiten Bereich beliebig kombiniert werden.
Das war die Zeit, als Selbstwickler ein wenig bedeutungsloser wurden... und es war der Anfang der "Alltäglichwerdung".
Sparen und der Wunsch nach Unabhängigkeit sorgten außerdem dafür, dass auch das Selbstmischen populär wurde. Wer dann, als die Produkte immer teurer wurden und die Steuer anstand, rechtzeitig vorgesorgt hat, kann auch heute noch richtig sparen (mich kosten z.B. auch heute noch 10 ml meines Lieblings-Liquids, das ich selbst dann aus dem Stehgreif zusammenrühren kann, wenn man mich spontan aus dem Schlaf weckt, keine 30 Cent).
Dampfen wurde -- trotz aller Kampagnen dagegen -- immer populärer und die Tabakindustrie stieg massiv in den Markt ein. Gerade deren Interesse war es, den Absatzmarkt zu vergrößern und das DIYS zurückzudrängen, um die eigenen Gewinne zu maximieren. Also wurde das Dampfen immer "einfacher" gemacht. Es kamen Systeme auf den Markt, die gut funktionierten, keinerlei Geschick benötigten oder Mühe mehr machten und gleichzeitig den Vorteil boten, die Kunden durch eigene, inkompatible Systeme fest an sich zu binden. Dampfen wurde zunehmend zum "Alltag". Die Krone der Simplifizierung und der Ausnutzung der menschlichen Bequemlichkeit waren dann die Disposables, also die Einweggeräte... eine noch schlimmere Pest als der Kaffee aus "Togo"... und der finale Sargnagel.
Die Nachfrage und das Interesse an nachhaltigen Geräten schrumpfte immer mehr. Dampfen war so einfach geworden... selbst zu Wickeln wurde ziemlich überflüssig... modulare Systeme waren auf dem absteigenden Ast, denn Nachfüllen, Verdampferköpfe wechseln und das Aufschrauben eines Verdampfers auf einen Akku waren ja auch unzumutbar. Das Essen kommt doch auch in der Pappschale aus der Mikrowelle daher... so kocht man heutzutage. Und genauso dampft man heutzutage.
Das "Selbstmischen" nahm einen vergleichbaren Weg. Während man Anfangs sein eigenes Liquid aus einzelnen Komponenten mischte, dann vielleicht auch noch fertige Aromenmischungen verwendete, kam der Trend der "*fills". Longfills und Shortfills (je nachdem wie viel Basis... meist Nikotinbasis man dazukippen musste)... etwas neutrale Base zum Strecken (auch nicht mehr einzeln aus PG, VG und ggf. Wasser sondern schon vorgemischt)... und Nikotinshots in die Pulle... und schon hatte man "selbst gemischt" (so wie man eine Heiße Tasse™ "selbst kocht", indem man das Pulver in die Tasse schüttet und heißes Wasser draufgießt).
Inzwischen ist der Markt extrem verengt. Noch sind Disposables nicht verboten... und es gibt Podsysteme überall und in Mengen. Man muss nichts mehr können, nichts mehr wissen und fast nichts mehr tun, um dampfen zu können. Modulare Systeme sind auf ein Maß geschrumpft, wie es Ende der 10er existierte (aber natürlich moderner und ausgereifter), Selbstwickler sind quasi tot, mechanische Akkuträger nur noch vereinzelt zu bekommen und das Selbstmischen am Ende.
Das liegt aber nicht nur an der um sich greifenden Bequemlichkeit der Konsumenten, sondern auch an der regulatorischen Entwicklung durch die Politik. Der Anfang vom absoluten Ende war letztlich die Einführung der Liquidsteuer. Der eigentliche Betriebsstoff ist so teuer geworden, dass nur noch sparsame Systeme auf Dauer finanziell tragbar sind. Das DTL-Dampfen ist aufgrund des höheren Verbrauchs quasi tot. Selbstmischen lohnt wegen der Steuer auch nicht mehr (nur mal so... ich verbrauche im Jahr ungefähr sechs Liter Liquid... das ist viel... ich dampfe halt rDL bei ca. 35 Watt... müsste ich mein Selbstgemischtes versteuern, so würden auf die oben genannten 30 Cent noch einmal 3,20 Euro draufkommen, also das Zehnfache der Materialkosten).
Jetzt steht auch noch ein Menthol-Verbot und das Verbot zahlreicher Cooling-Agents an, das dafür sorgen wird, dass die überwiegende Zahl beliebter Liquids vom Markt verschwinden muss.
Dampfen ist also allgemein zwar alltäglich geworden, steht aber kurz vor dem Ende ... und es werden nur wenige dem Pfrunzeln nachtrauern.
Aber es ist auch für mich alltäglich geworden. Ich mische noch immer selbst. Und ich wickle noch immer selbst. Und ich dampfe auch noch immer gerne mechanisch. Aber ich zehre von meinem Bunker bzw. von meinem Hardware-Park, den ich mir über die Jahre aufgebaut habe.
Doch die Zeit der Experimente ist für mich inzwischen auch ziemlich vorbei (kann sich aber wieder ändern... so hoffe ich). Mein Liquid (ich dampfe nur ein einziges) mische ich mit einer auf dem Rücken gefesselten Hand und verbundenen Augen so nebenbei. Selbstwickeln oder Pflege (3börn) erfolgen ebenfalls nebenbei mal am Esstisch... beherrsche ich halt auch blind. Es ist echter Alltag geworden. Und mein Verbrauch nimmt auch ab, weil ich mich immer öfter dabei beobachte, dass ich das Pfrunzel gar nicht dabei habe.
Während ich an der grundsätzlichen Entwicklung nichts ändern kann, werde ich aber früher oder später ganz sicher wieder auf "Abenteuer" gehen und meinen Genussmittelkonsum weiter auch als Hobby weiter betreiben.
Titelbild von Alexa auf Pixabay
Conversation Features
Loading...
Loading...
Login
Powered by Hubzilla - the Social Networking CMS